Präventivmedizin und Internet: Prävention durch Information
Zitierweise:

Eysenbach, Gunther: Präventivmedizin und Internet -Prävention durch Information. In: Allhoff PG, Leidel J, Ollenschläger G, Voigt HP (Hrsg.): Präventivmedizin (5. Nachlieferung/6.Auflage). Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag, 1997

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Internet und Präventivmedizin

Das Internet ist für den gesamten Themenbereich der Präventivmedizin sowohl aus der Perspektive des medizinischen Praktikers interessant, als auch aus der Sicht des wissenschaftlich tätigen Mediziners bzw. Gesundheitswissenschaftlers und nicht zuletzt aus Sicht des Patienten:

Alle Aspekte lassen sich zum Schlagwort "Prävention durch Information" zusammenfassen.

Das Internet als Informationsquelle für den Arzt

Unterscheiden muß hier zwischen dem Internet als Informationsquelle und dem Internet als Kommunikationsmedium von Arzt-zu-Arzt (Stichwort "Telemedizin").

Internet als Informationsquelle

Wie weiter unten anhand von Beispielen ausgeführt sind, bieten eine Vielzahl von wissenschaftlichen Forschungseintrichtungen, Organisationen und Institutionen hervorragende und aktuelle Informationen zu nahezu allen präventivmedizinischen Themen an. Eine Liste der wichtigsten Server haben wir unten zusammengestellt.

Internet als Kommunikationsplattform für Telemedizin/Telekonsultation

Telemedizinprojekte befinden sich derzeit vielerorts in Pilotphasen und sind noch weit davon entfernt, zum ärztlichen Alltag zu gehören. Dennoch wird die elektronische Arzt-zu-Arzt-Kommunikation eine zunehmend größere Bedeutung erlangen, insbesondere wenn es um den Bereich der Telekonsultation (etwa Befundung eines digitalen Bildes eines Patienten, der sich bei einem niedergelassenen Arzt vorstellt, durch einen Spezialisten).

Prinzipiell wird zwischen synchroner und asynchroner Telekonsultation unterschieden. Bei der sogenannten synchronen Telekonsultation kommunizieren zwei Gesprächsteilnehmer über ein Video-Konferenzsystem direkt miteinander. Die Aufnahme erfolgt etwa durch eine Video-Kamera, und die Patientendaten werden über eine schnelle Netzverbindung in Echtzeit übertragen. Der Vorteil hierbei ist die unmittelbare Interaktion, beispielsweise kann der konsultierte Spezialist am Röntgenbild etwas erklären oder bei der Übertragung einer Operation oder eines Ultraschallbildes direkte Anweisungen geben ("zeig mir mal die Leber" o.ä.). Einer der Nachteile besteht in der notwendigen technischen Ausstattung und der Terminabstimmung zwischen den Teilnehmern, die sich im täglichen Ablauf als sehr schwierig gestaltet. Zudem ist eine hohe Datenübertragungsrate nötig.

In vielen Fällen ist auch gar keine wirkliche "Interaktion" notwendig, da es rein um die Übertragung von Befunden und statischen Bildern geht. Dann kann man in der sogenannten asynchronen Telekonsultation die Patientendaten beispielsweise per Email verschicken und z. B. in einer Mailbox beim Emüfänger speichern. Der konsultierte Spezialist schaut terminunabhängig in diese Mailbox und befundet die Patientendaten am Bildschirm. Per Email können nicht nur Befunde Der Spezialist kann dann seine Stellungnahme per Email als Text oder Sprache übertragen oder bespricht alternativ einfach telefonisch die übermittelten Patientendaten mit dem Absender. Die zeitliche Unabhängigkeit beider Kommunikationspartner stellt hierbei den hervorzuhebenden Vorteil dar, ebenso die Tatsache, daß die Daten nicht in Echtzeit übertragen werden müssen und daher auch leistungsschwächere oder stark frequentierte Netze (wie es das Internet ist) zum Einsatz kommen können.

Für die derzeitige tägliche Anwendung der Telemedizin in der Internet-Praxis ist die asynchrone Telekonsultation der synchronen Telekonsultation - auch aufgrund der technischen Ausstattung der Praxen - vorzuziehen.

Ein spezielles Problem liegt im Datenschutz, insbesondere wenn sensible Patientendaten über öffentliche Netze wie das Internet übertragen werden. Da die Daten im Internet ihren Weg über mehrere Knotenrechner nehmen (von Rechner zu Rechner "springen"), auf denen Sie prinzipiell zumindest für den jeweiligen Administrator einsehbar sind, müssen alle Daten verschlüsselt werden, was mit den Methoden der Kyptotgraphie kein Problem darstellt. Zusätzliche Sicherheit kann man erreichen, wenn man sogenannte Intranets verwendet, d.h. von der Öffentlichkeit abgeschottete Netze, die auf Internet-Technologie beruht.

Das Internet als Medium für den wissenschaftlichen Informationsaustausch

Angesichts einer Publikationsflut von jährlich weltweit rund zwei Millionen Artikeln in über 10.000 medizinischen Fachzeitschriften werden qualitativ hochwertige Übersichtsarbeiten und strukturierte Praxisleitlininen zur Entscheidungsfindung im medizinischen Alltag, Forschung und Gesundheitspolitik immer wichtiger. Die Forderung nach systematischen Übersichtsarbeiten wurde bereits vor über zwanzig Jahren von dem englischen Epidemiologen Archie Cochrane formuliert. Als Basis forderte er insbesonders, die Resultate randomisierter Studien zu verwenden. In den 80er Jahren etablierte sich daraufhin in Oxford eine perinatologische Arbeitsgruppe, die eine große Anzahl systematischer Übersichtsarbeiten verfaßte und u.a. über eine Datenbank verfügbar machte. Diese Arbeit kann als Pilotprojekt für das Entstehen der heutigen Cochrane Collaboration betrachtet werden, die 1993 gegründet wurde. Die Cochrane Collaboration ist ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten, deren Ziel es ist, systematische Übersichtsarbeiten zu Therapievergleichen auf der Basis randomisierter Studien zu erstellen, aktuell zu halten und zu verbreiten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter organisieren sich in Review-Gruppen, die sich in der Regel auf ein medizinisches Problem beziehen. Das sind problemorientierte (z.B. Mamma-Karzinom), Intervention-basierte (z.B. Ernährung) oder auf Bereiche der medizinischen Versorgung (z.B. Primärversorgung) orientierte Ansätze (für Details siehe http://hiru.mcmaster.ca/cochrane/default.htm).

Parallel zu dieser Entwicklung entstand an der McMaster Universität das Konzept der evidenz-basierten Medizin. Auch hier ist Grundlage die systematische Aufarbeitung wissenschaftlicher Fachliteratur.

Die Erarbeitung von Praxisleitlinien und systematischen Reviews durch die Cochrane Collaboration und andere Gruppen, kann heute nur noch durch ein großes und oft internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Mitarbeitern des Gesundheitssystems geleistet werden, mit entsprechender Notwendigkeit an Koordinationsarbeit und einer entsprechenden Kommunikations- und Informationsinfrastruktur. Das Internet ist hierbei ein ideale Kommunikationsplattform, nicht nur um die "Ergebnisse" publik zu machen, sondern auch um sie zu erarbeiten.

Natürlich gibt es weitere Wissenschaftsgebiete, die besonders auf schnellen internationalen Datenaustausch angewiesen sind, so etwa der gesamte Bereich der Molekularbiologie und hier insbesondere das Humane Genome Project. Auch hier ist das Internet die Ressource für den Wissenschaftler schlechthin, wenn es beispielsweise um Gensequenz-, Fakten- oder Literatursuche geht.

Das Internet als Massenmedium zur Gesundheitsförderung

Prävention ist auf Bewahrung der Gesundheit und Verhütung sowie Früherkennung von Krankheit ausgerichtet. In der heutigen Zeit sind viele chronische oder akute Gesundheitsprobleme das Resultat von individuellem gesundheitsgefährdendem Verhalten - als Beispiele seien Rauchen, Ernährung, Sexualverhalten Freizeitverhalten (Sonnenexposition) und zu Unfällen führende Fahrlässigkeit genannt.

Indviduumorientierte oder personale Prävention versucht, das individuelle Verhalten zu beeinflussen, zum Beispiel durch Aufklärung und Information oder durch Stärkung der Persönlichkeit und der individuellen Ressourcen. Dem gegenüber steht die "massenmediale" Prävention, bei der sich Aufklärung und Information an eine breitere Öffentlichkeit richten.

Primärprävention versucht, der Entstehung von Krankheiten möglichst frühzeitig entgegenzutreten, insbesondere durch Aufklärung. Auch bei sekundärer Prävention (Früherkennung) und tertiärer Prävention (Verhütung oder Verlangsamung des Fortschreitens einer bestehenden Gesundheitsstörung) ist der aktive und informierte Patient unabdingbare Voraussetzung für das Gelingen der Prävention. Beispielsweise nutzen die besten Früherkennungsprogramme nichts, wenn sie vom Patienten nicht wahrgenommen und akzeptiert werden.

Mit anderen Worten: Information ist stets ein kritischer Faktor für das Gelingen der Prävention.

Demzufolge besitzt das Internet - als das Informations- und Kommunikationsmedium der Zukunft - eine zunehmend größere Bedeutung.

Traditionell werden die Inhalte der individuellen Patientenschulung über Arztgespräche und Schulungen vermittelt, und die der massenmedialen Prävention über traditionelle Medien wie Zeitschriften, Merkblätter und Broschüren, Bücher, Fernsehen. Das Internet ist - zumindest in Deutschland - erstaunlicherweise ein für diesen Zweck von Ärzten und anderen Angehörigen der Gesundheitsberufe noch weitgehend ungenutztes Medium, obwohl es diesbezüglich ein erhebliches Potential besitzt.

Zwar findet sich im Internet kaum ein Lebensbereich und eine präventivmedizinisch interessante Frage, die nicht schon auf irgendeiner Homepage oder einer Newsgroup von irgendjemandem schon diskutiert oder beantwortet wurde, doch die Kompetenz oder Objektivität der Anbieter dieser Informationen ist in vielen Fällen nicht klar und gerade für den medizinischen Laien nicht ohne weiteres zu erkennen. Bei der zunehmenden Kommerzialisierung des Internets werden viele Angebote - ebensfalls nicht immer ohne weiteres erkennbar - von Firmen zusammengestellt und sind entsprechend einseitig. So sind etwa Informationen zu vermeintlich gesunder Säuglingsernährung auf der Homepage eines Babynahrungsherstellers ebenso mit Vorsicht zu genießen wie die Angaben eines Seifenherstellers zu den vermeintlichen hautschonenden Eigenschaften einer Seife oder Informationen zur Bioresonanztherapie eines Herstellers von entsprechenden Geräten.

Da im Internet, anders als bei anderen Medien, keine Redaktion oder Lektorat zwischen Autor und Verbraucher zwischengeschaltet ist, tritt die Problematik der "Qualität" weitaus stärker in den Vordergrund als bei anderen Medien. Umgekehrt ist es gerade medizinische Informationen, die eine besonders große Sensibilität besitzt - gerade im medizinischen Bereich kann qualitativ schlechte oder falsche Information leicht verheerende Wirkungen (Verunsicherung, falsche Erwartungshaltung) erzeugen. Erste Tendenzen lassen sich durchaus bereits im Internet beobachten, so haben verschiedene Behörden und Institutionen, einschließlich der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, angesichts des reichhaltigen Angebots von in Deutschland nicht zugelassenen Arzneimitteln im Internet bereits entsprechende Verbraucherwarnungen aussprechen müssen.

Oft gefordert wird in diesem Zusammenhang eine objektive Bewertung der im Internet angebotenen Informationen etwa durch ein "Clearinghouse", also durch fachkundige Dritte, die alle Informationen sichten und eine Art Gütesiegel verleihen, und somit eine ähnliche Qualitätssicherung bewirken wie das "peer-review" bei wissenschaftlichen Publikationen oder eine Redaktion bei Publikumsmedien. Obwohl es einige Ansätze in dieser Richtung gibt (z.B. www.clearinghouse.net für allgemeine Themen, www.medmatrix.org oder www.hon.ch für medizinische Themen) und in den USA teilweise auch schon Siegel für Webseiten vergeben werden, die unter ärztlicher Mitwirkung entstanden sind (siehe Textkasten), scheitert die Idee der möglichst vollständigen Bewertung aller Internet-Angebote sowohl an der Dynamik des ständig wechselnden Angebots sowie an der schieren Masse der angebotenen Informationen - wer soll das alles lesen, geschweige denn bewerten?

Von ärztlicher Seite aus angebotene qualitativ hochwertige und originale Information in deutscher Sprache, die sich an Patienten richtet, ist im Internet durchaus Mangelware - die überwiegende Zahl hochwertiger Angebote aus medizinischer Hand findet sich in englischer Sprache oder richtet sich eben nicht an Patienten, sondern an Ärzte und Wissenschaftler.


Exkurs: "Code of Conduct" der Health on the Net Foundation

Die Health On the Net Foundation (http://www.hon.ch) ist eine 1995 gegründete non-profit Organisation mit Hauptsitz in Genf, die sich zum Ziel gesetzt hat, die effektive Internetnutzung für medizinische Zwecke zu fördern. Auf der HON-Website finden sich beispielsweise eine Suchmaschine für medizinische Texte im Internet; außerdem bewertet und beschreibt das HON-Team Websites. Darüber hinaus hat HON einen "Code of Conduct" für medizinische Websites entworfen, damit "Konsumenten" wertvolle medizinische Informationen im Internet leichter von Unsinn unterscheiden können. Webmaster, die sich an diese Richtlinien freiwillig halten, dürfen das HON-Code-Logo (Abb.) führen. Webmaster, die das Logo führen und dennoch gegen die Prinzipien verstoßen, werden durch HON dazu aufgefordert, entsprechende Änderungen zu machen oder das Logo zu entfernen. Dies ist eine der zahlreichen Ansätze, Qualitätssicherung der medizinischen Information im Internet zu realisieren.

Prinzip 1: Alle medizinischen Hinweise die auf der Website gegeben werden, werden nur von medizinisch geschulten und qualifizierten Fachleuten gegeben; andere Information wird eindeutig als nicht von Fachleuten stammend gekennzeichnet.

Prinzip 2: Die Information auf der Website ist so angelegt, daß sie die Beziehung zwischen Arzt und Patient unterstützt und nicht ersetzt.

Prinzip 3: Daten bezüglich der individuellen Patienten und Website-Besucher werden vertraulich behandelt.

Prinzip 4: Wo immer möglich und sinnvoll, werden alle Informationen auf der Website mit Referenzen auf die Quelle oder mit entsprechenden Links versehen.

Prinzip 5: Alle Angaben bezüglich der Wirksamkeit einer bestimmten Therapie, eines kommerziellen Produkts oder Dienstes werden durch geeignete, ausgewogene Evidenzen unterstützt (vgl. Prinzip 4).

Prinzip 6: Die Anbieter der Informationen auf der Website bieten Informationen so klar wie möglich dar und geben eine Kontaktadresse für Benutzer mit Fragen an. Der Webmaster zeigt seine Email-Adresse auf der gesamten Website.

Prinzip 7: Sponsoren und Unterstützer der Website werden klar genannt, einschließlich kommerzielle und nicht-kommerzielle Organisationen die finanzielle Mittel, Dienstleistungen oder Material für die Website zur Verfügung gestellt habe.

Prinzip 8: Wenn Werbung eine Einnahmensquelle ist, wird auf diese Tatsache klar hingewiesen. Eine kurze Darstellung der Werberichtlinien findet sich auf der Site. Werbung wird Benutzern dergestalt dargeboten, daß eine klare Trennung zwischen originalem Inhalt und Werbung für den Benutzer möglich ist.


Universitäten als Informationsanbieter

Zwar besitzen inzwischen alle deutschen Universiäten meist recht umfangreiche Internetseiten, doch enthalten diese meist nur Informationen administrativer oder wissenschaftlicher Art. Erstaunlicherweise sehen es bislang die Abteilungen und Institute der deutschen Universitätskliniken allenfalls als ihre Aufgabe an, die Öffentlichkeit im Internet über ihre Forschungs- und Lehrtätigkeit oder allenfalls Sprechstundenzeiten zu informieren, aber leisten kaum direkten aktiven Beitrag zur Gesundheitsaufklärung im Internet. Hinter der Wissenschaft und der Gesundheitsversorgung spielt der Gedanke der Prävention/Gesundheitsförderung für die medizinischen Fakultäten offenbar eine nachgeordnete Rolle.

Eine Suche im Internet im Juli 1997 nach den Suchbegriffen "Patienteninformation UND Universität" ergab eine Ausbeute von weniger als eine Handvoll elektronischen Patienteninformationsschriften aus deutschen Universitäts-Servern. Dies steht in einem auffälligen Kontrast zum großen Informationsbedürfnis von Öffentlichkeit und Patienten, die oft gerade an medizinischen Universitäten kompetente Informationen zu Fragestellungen suchen, mit denen Sie sich nicht an ihren Hausarzt wenden können oder wollen. An unserer Klinik (Dermatologische Uniklinik Erlangen) gehen täglich mehrere Patientenanfragen per Email ein, in denen um konkrete Informationen zu Hautkrankheiten gebeten wird. Sehr häufig geht es dabei um Fragestellungen zu chronischen Erkrankungen, wie "ich leide unter..., wer ist dafür Spezialist?" oder " mein Hausarzt sagt, da kann man nicht viel machen, gibt es neuere Therapieansätze?" usw., überwiegend Anfragen also, aus denen hervorgeht, daß der Patient bereits in Behandlung ist und oft schon verschiedene Ärzte aufgesucht hat.

Etwas anders stellt sich die Situation in den USA dar: Websites wie "Healthwise" (http://www.cc.columbia.edu/cu/healthwise/) der Columbia University, der "Healthline"-Server (http://healthline.umt.edu) der University of Montana bieten Multimedia Lernmaterialien für Patienten, individuelle Beratungsdienste per Email (http://www.columbia.edu/cu/healthwise/alice.html), elektronische moderierte Mailinglisten und andere Quellen zu Präventivmaßnahmen, Ernährung, AIDS, Drogen und Alkohol, Sexualität. Das Health Book am "Virtual Hospital" der University of Iowa (http://indy.radiology.uiowa.edu/VirtualHospital.html) beinhaltet ebenfalls multimediale Patienteninformationen.

In Deutschland sind derartige Angebote von universitärer Seite bislang nicht zu finden.


Beispiel "Informationssystem für das Gesundheitswesen Österreichs" (GIN)

Als ein vorbildlich deutschsprachiges Beispiel für ein umfassendes, präventivmedizinisch orientiertes Informationssystem mag hingegen das "Informationssystem für das Gesundheitswesen Österreichs" (Gesundheitsinformationsnetz - GIN) dienen, welches am Institut für Biostatistik und Dokumentation der Universität Innsbruck realisiert wurde (http://info.uibk.ac.at/gin/). Das GIN bietet umfassende Informationen über Entstehungsrisiken, Vorbeugung, Früherkennung und Nachsorge häufiger Krankheiten, informiert aber auch über die Rechte des Patienten sowie über Leistungen, Öffnungs- bzw. Besuchszeiten medizinischer Einrichtungen. Ziel des Projektes ist, neue Kommunikationstechnologien im Gesundheitsbereich zu testen, aber auch, beim Patienten Unsicherheiten und psychische Belastungen durch Informationsmangel abzubauen. Zitat aus dem Geleitwort: "Für die Bürger ist es häufig nicht möglich, Eigenverantwortung für die Gesundheit zu tragen bzw. Eigeninitiative zu ergreifen. Das Gesundheitswesen ist wenig transparent. Der Überblick über das Leistungsangebot fehlt völlig. Informationen über Krankheiten, Untersuchungen oder Patientenrechte sind nur mit Mühe beschaffbar. Ein aktuelles, umfassendes und jederzeit zugängliches Gesundheitsinformationsnetz kann die Möglichkeit des Einzelnen, verantwortlich für sich und seine Angehörigen zu sorgen entscheiden verbessern. Die Möglichkeit, sich mithilfe richtiger Vorinformation gezielt an die richtige Stelle zu wenden, wird die Belastung von Gesundheitseinrichtungen weiter entschärfen." (weitere Informationen zum GIN siehe Anhang).


Niedergelassene Ärzte als Informationsanbieter

Niedergelassene Ärzte als Informationsanbieter im Internet sind derzeit noch die absolute Ausnahme, und wenn, dann beschränken sich die angebotenen Informationen auf organisatorische Hinweise zum Praxisablauf, allenfalls Hinweise zu angebotenen Früherkennungsuntersuchungen usw.

Selbstverständlich kann es auch nicht vorrangige Aufgabe des niedergelassenen Arztes sein, einen Beitrag zur Gesundheitsaufklärung der Bevölkerung zu leisten, indem er etwa entsprechende Informationen auf dem Internet zur Verfügung stellt. Nach einer entsprechenden Änderung der Berufsordnung sind allerdings sachliche Patienteninformationen im Internet zu in der Praxis durchgeführten Diagnostik- und Therapieverfahren seit kurzem nicht mehr pönalisiert; und da der Marketinggedanke zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist damit zu rechnen, daß zunehmend auch einzelne Ärzte Informationen im Internet anbieten, insbesondere um Patienten zur Wahrnehmung von Früherkennungsuntersuchungen zu motivieren.

Gleich nach der Änderung der Berufsordnung auf dem 100. Deutschen Ärztetag in Eisenach, hat der Online-Dienst bsmedic (Springer/Bertelsmann/Burda) niedergelassenen Ärzten angeboten, kostenlose Homepages einzurichten. Ferner wurde auf dem 100. Ärztetag eine Entschließung gefasst, nach der "die Ärztekammern aufgefordert werden, ihren Mitgliedern Darstellungsmöglichkeiten (Homepages) im Internet für eine sachgerechte Patienteninformation zum Selbstkostenpreis zur Verfügung zu stellen" [7]. Dies solle im Rahmen des Deutschen Gesundheitsnetzes geschehen.

Angebote der öffentlichen Gesundheitseinrichtungen

Hauptaufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes ist es, für die Gesundheit der Bevölkerung als Ganzes Sorge zu tragen. Dementsprechend sollten Ansätze zur Gesundheitsförderung und Prävention der öffentlichen Gesundheitseinrichtungen auch im Internet sichtbar sein.

Das Angebot der staatlichen Institutionen im Verantwortungsbereich des BMG (http://www.bmgesundheit.de/) im Internet ist jedoch insgesamt in Deutschland noch sehr rudimentär.

Auch die Gesundheitsämter informieren im Internet bislang größtenteils allenfalls über Öffnungszeiten.

Andere Institutionen, Organisationen und Verbände

Bleiben also als hauptsächliche Anbieter zum Thema "Patientenaufklärung" die gemeinnützigen Organisationen, Verbände, Selbsthilfegruppen, staatliche Institutionen. Die interessantesten Websites haben wir unten zusammengestellt. Besonders die Selbsthilfegruppen und verschiedenene Organisationen leisten im Internet (ebenso wie ja auch außerhalb des Internets) hinsichtlich der Informationen verdienstvolle Arbeit. Im Juli 1997 waren rund 80 deutsche Selbsthilfegruppen im Internet vertreten (Quelle: Yahoo). Darüber hinaus gibt es natürlich noch zahlreiche Newgroups (alt.support.*), in denen von Alkoholabusus bis hin zu Zeckenbissen alle möglichen Themen diskutiert werden können.



Exkurs: Einsatz des Internets für die kommunale Gesundheitsversorgung und Prävention

Ansprache beim GMDS Workshop Medizin und Internet, "Bedeutung für Patienten und die Bevökerung", von Bürgermeister Hep Monatzeder, Landeshauptstadt München:


Das Internet ist deshalb von so großer Bedeutung, weil es nicht nur in der Lage ist, eine sog. virtuelle Realität zu schaffen, sondern weil mit seiner Hilfe auch die realen Probleme der Menschen effizienter einer Lösung zugeführt werden können. Auch die Bedeutung und der Wert des Internets für alle Fragen der Gesundheitsversorgung ist rapide gestiegen. Gesundheit ist ein kostbares Gut, Medizin ein Thema, das viele Menschen beschäftigt. Und das spiegelt sich auch im Internet wider. Oft sind es Betroffene, die sich über das neue Medium austauschen oder Fachleute, die Informationen für ihre Fachkollegen und Patienten aufbereiten. (...)
Im Januar dieses Jahres hat in München die neue umweltmedizinische Beratungsstelle ihre Arbeit aufgenommen. Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit und ihren Angeboten der Individualberatung kann die Beratungsstelle moderne Kommunikationsmittel wie das Internet natürlich optimal nutzen.
Besonders zu aktuellen Gesundheits-Themen wollen wir im Internet Tips und Ratschläge zur Verfügung stellen. Wir denken dabei z.B. an Probleme wie potentielle Gefahren von "Sonnenstrahlung", oder an Themen wie Wohngifte und "Gesundheitsschäden durch Lärm".
Besonders dem AIDS-Beratungsdienst kann die Anonymität des Internets zu Gute kommen. Informationen können über das Internet vom eigenen Wohnzimmer aus abgerufen werden. Auch der erste Kontakt kann über das Internet erfolgen.
Potentielle Hemmschwellen können so schrittweise abgebaut, das persönliche Gespräch besser vorbereitet werden.
Auch im Bereich der Drogenberatung liegen Chancen. Obwohl hier das persönliche Gespräch nach wie vor unabdingbar ist, könnte aber z.B. die Vermittlung von Stellen für Drogenentzug über das Internet abgewickelt werden. Auch im Bereich der AIDS-Prävention ist der direkte Kontakt zu den Risikogruppen unbedingt erforderlich. Die Aufklärung über Risiken kann aber ggf. über das Internet unterstützt oder ergänzt werden. Drogenkonsum ist nicht in jedem Fall gleichbedeutend mit sozialem Abstieg. In einem noch intakten beruflichen Umfeld ist es aber auch besonders schwer, sich zu seiner Abhängigkeit zu bekennen. Die Anonymität des Internets kann deshalb mithelfen, Hemmschwellen zu überwinden.
Das Internet wird für die kommunale Gesundheitsversorgung und für die Gesundheitsvorsorge in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Dennoch muß uns bewußt bleiben, daß der persönliche Kontakt zwischen den Beratern, Ärzten und Mitarbeitern des Gesundheitsreferates einerseits und den Betroffenen bzw. den "Informationshungrigen" andererseits in vielen Bereichen nicht ersetzt werden kann. Im Internet liegen - auch für die Medizin - große Chancen. Es kann die bisher üblichen Kommunikationsformen zwar nicht ersetzen, aber produktiv ergänzen.



Exkurs: Internet und Selbsthilfegruppen

Das Bürgernetz - ein Forum für Selbsthilfegruppen -Ein Baustein des gemeindenahen Gesundheitsforums (Quelle: Vortrag von W. Schröttle, GMDS Workshop Medizin und Internet, "Bedeutung für Patienten und die Bevökerung")

Chronisch Kranke und Behinderten haben einen besonders großen Informations- und Kommunikationsbedarf. Sie haben sich deshalb in Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen. Betroffene sammeln gemeinsam relevante Informationen, tauschen ihre Erfahrungen untereinander aus und unterstützen sich so gegenseitig.
In vielen Städten existiert bereits ein umfassendes Angebot der Selbsthilfegruppen. Im Hinblick auf den ländlichen Raum ist dieses Angebot aber bisher keineswegs flächendeckend. Wegen Einschränkungen der Mobilität und begrenzter finanzieller Mittel können chronisch Kranke und Behinderte, die auf dem Land wohnen, häufig nicht regelmäßig an den Treffen dieser Selbsthilfegruppen teilnehmen. Die Telekommunikation kann dabei helfen diese räumlichen Grenzen zu überwinden.
Bayern Online - eine Initiative der bayerischen Staatsregierung soll breite Bevölkerungsschichten an die moderne Telekommunikation heranführen.
Dazu werden derzeit flächendeckend von über 40 Bürgernetzvereinen Einwahlknoten zum Ortstarif und lokale Informationsforen aufgebaut. In Schulungen erlernen interessierte Bürger die Nutzung von Internetdiensten.
Im Bürgernetz Ingolstadt wird derzeit ein lokales Gesundheitsforum aufgebaut (http://www.bingo.baynet.de/gesund/). Hier haben Selbsthilfegruppen die kostenlose Möglichkeit zu einer ausführlichen Selbstdarstellung im WWW. Daneben werden die Betroffenen auf weitere relevante Informationsquellen im Internet verwiesen. In einem Forum besteht die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme und zur öffentlichen Diskussion von Gesundheitsthemen.
Im Rahmen von Vorträgen und Arbeitskreisen werden die Selbsthilfegruppen schrittweise an diese modernen Kommunikationsmöglichkeiten herangeführt. In Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern der Region soll bereits vom "Krankenbett" aus die Kontaktaufnahme mit der zuständigen Selbsthilfegruppe an öffentlichen Datenterminals erprobt werden. In weiterführenden Seminaren und im Kleingruppen unterricht erlernen chronisch Kranke und Behinderte den Umgang mit den neuen Informationsinstrumenten.
Über das Datennetz können nun auch die Bewohner im ländlichen Raum zu vertretbaren Kosten in räumlich weiter entfernten Selbsthilfegruppen mitarbeiten. Dies wird die Gründung weiterer Selbsthilfegruppen in dieser Region initiieren.

Kommerzielle Anbieter

Auch findet sich eine zunehmende Anzahl von kommerziellen Anbietern im Internet. Meist handelt es sich um Firmen, die mit ihren Webseiten etwas verkaufen wollen; hier ist bezüglich der dargebotenen Information natürlich besondere Vorsicht geboten. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von journalistisch betreuten Informationsdiensten, die - manchmal unter ärztlicher Mitwirkung - Themen rund um "Fitness/Sex/BodyPsycho/Food" zusammenstellen (siehe z.B. "Lifeline" von Springer/Bertelsmann/Burda, http://www.lifeline.de/).

Die Vorteile des Mediums Internet: bidirektionale Kommunikation, Interaktivität, Multimedialität

Abschließend soll noch erwähnt werden, daß das "Internet als Massenmedium" und somit auch als Instrument zur Primärprävention durch Gesundheitsaufklärung noch ganz andere Möglichkeiten bietet. Besonders interessant ist am Medium Internet nämlich die Möglichkeit, die Kommunikation nicht nur in eine Richtung fließen zu lassen (also z.B. von einer ärztlichen Homepage zum Patienten), sondern auch umgekehrt Informationen von Patienten zu erhalten. Das Internet bringt durch diese Möglichkeit der bidirektionalen Kommunikation im Vergleich zu anderen Medien wie Laienpresse, Patienmerkblätter, Fernsehen, Radio neue Möglichkeiten hinsichtlich der Gesundheitsaufklärung der Bevölkerung.

Konkret besitzt das Internet als Medium folgende Vorteile:


Zwei Beispiele für "Gesundheitsfragebögen" im Internet

Probleme und Limits der Gesundheitsförderung durch das Internet

Die Probleme, die sich aus dem Internet als Medium für gesundheitsbezogene Informationen ergeben, sind prinzipiell dieselben, wie sie für jedes andere Massenmedium auch gelten - insbesondere besteht aber die Gefahr der unbeabsichtigten Nutzung von an Ärzte gerichteten Informationen durch Patienten und die daraus entstehenden Mißverständnisse, Verunsicherungen (Prognoseableitungen aus statistischen Daten ohne individuelle Beratung) oder auch unerwünschte Bedarfsweckung für neuentwickelte, aber z. B. noch in klinischer Testphase befindliche Methoden. Dennoch bietet das Internet auch hier weit bessere Möglichkeiten als traditionelle Medien, beispielsweise nur für die Fachöffentlichkeit gedachte Informationen etwa durch Paßwortschutz von "Laien" abzuschotten. Damit bleibt als Hauptproblem des Internets die bereits erwähnte unkontrollierte und unkontrollierbare Informationsüberflutung der Bevölkerung durch Materialien, deren Qualität insbesondere durch Laien nicht immer leicht zu beurteilen ist und bei denen oft nicht einmal der Urheber so ganz eindeutig festzustellen ist.

Bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten neuer Medien, einschließlich der Möglichkeiten, Patientenaufkärungsprogramme "intelligent" erscheinen zu lassen und quasi individuell auf den Benutzer eingehen zu lassen, darf doch nicht vergessen werden, daß für die präventivmedizinische individuelle Beratung der praktische Arzt der wichtigste Ansprechpartner für den Patienten ist und bleibt. Insbesondere liefert gerade das Arztgespräch, zum Beispiel der Hinweis auf die Folgen des Rauchens, oft erst den eigentlichen Anstoß für den Patienten, etwa im Internet nach weitergehenden Informationen zu suchen (siehe auch Kap. 01.02: "Beratung ist dann am wirksamsten, wenn sie erreicht, daß der Patient aktiv wird und sich selbst hilft"). Die beste Information im Internet nützt wenig, wenn der Patient nicht motiviert oder interessiert ist, insbesondere da der Patient im Internet zunächst - und dies ist sicherlich eine Besonderheit des Mediums gegenüber Printmedien, TV und Radio - ersteinmal aktiv in einem elektronischen Internet-Katalog oder einer Internet-Suchmaschine nach einem bestimmten Thema suchen muß und in den seltensten Fällen über die Information zufällig stolpert. Das Internet kann also eher vertiefende Background-Information liefern, während es Aufgabe des Arztes und bei bestimmten Themen auch der Massenmedien (Beispiel: AIDS-Prävention) ist, den Patienten zunächst einmal für ein bestimmtes Thema zu sensibilisieren und empfänglich zu machen.

Literatur

  1. Fittkau S, Maaß H: Ergebniszusammenfassung der W3B-Umfrage April/Mai 1997, W3B Hamburg; http://www.w3b.de
  2. Eysenbach G: Computereinsatz und Computerkenntnisse unter Medizinstudenten [Computer use and computer literacy among medical students]. Informatik, Biometrie und Epidemiologie in Medizin und Biologie 26 (1): 56-66; 1995; http://yi.com/home/EysenbachGunther/literac.htm
  3. Eysenbach G, Bauer J, Sager A, Bittorf A, Diepgen T: An international dermatological image atlas on the WWW: Practical use for undergraduate and continuing medical education, patient education and epidemiological research. MEDINFO98 (eingereicht)
  4. Maus J. Online-Angebot für Ärzte: Deutsches Gesundheitsnetz seit April in der Pilotphase. Deutsches Ärzteblatt 94, Heft 20 (16.05.1997), Seite A-1334
  5. Bell DS; Kahn CE Jr Health status assessment via the World Wide Web. Proc-AMIA-Annu-Fall-Symp.1996: 338-42
  6. [OTA] U.S. Congress, Office of Technology Assessment: Bringing Health Care Online - The Role of Information Technologies, OTA-ITC-624. Washington, DC: U.S. Government Printing Office, September 1995. [http://www.cc.emory.edu/WHSCL/HealthCareOnlineToc.html]
  7. Entschließungen zum Tagesordnungspunkt III: Novellierung der (Muster-) Berufsordnung. Deutsches Ärzteblatt 94, Heft 24 (13.06.1997), Seite A-1657

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